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Bettenstopp: Aufweichung des Bettenstopps widerspricht zentralen Landesstrategien
Heimatpflegeverband und Dachverband warnen vor grundlegender Fehlentwicklung in der Tourismuspolitik
25. Februar 2026

Bettenstopp: Aufweichung des Bettenstopps widerspricht zentralen Landesstrategien

Der Heimatpflegeverband Südtirol und der Dachverband für Natur- und Umweltschutz sehen die geplante – auch selektive – Verlängerung des Bettenausbaus über 2026 hinaus als gravierenden Widerspruch zu zentralen Grundsatzdokumenten des Landes Südtirol wie dem Klimaplan und der Raumordnung und fordern die Landesregierung auf, am Bettenstopp als Steuerungsinstrument festzuhalten.

Foto: Kojawiese Juli 2023 - Hanna Battisti 
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Die 2022 eingeführte Bettenstoppverordnung sollte eine Obergrenze für Gästebetten festlegen und der touristischen Überentwicklung klare Grenzen setzen. Tatsächlich ist die Beherbergungskapazität seither deutlich gestiegen: von rund 235.000 Betten im September 2022 auf nahezu 268.000 Betten im Jänner 2026 – ein Zuwachs von rund 33.000 Betten. „Von einem klaren Bettenstopp kann daher bisher nicht wirklich die Rede sein. Vielmehr handelte es sich um einen ‚Bettenstopp auf Raten‘“, so die beiden Umweltverbände. „Bisher hat der angekündigte Bettenstopp das Bettenwachstum sogar befeuert und damit das Gegenteil seiner ursprünglichen Zielsetzung bewirkt.“

Konflikt mit Raumordnung und Klimaplan
Die geplante Aufweichung des Bettenstopps und die partielle Verlängerung der Frist für Hotelbauprojekte bis 2031 stehen aus Sicht der Verbände in klarem Konflikt mit zwei zentralen Grundsatzpapieren des Landes: dem Landesgesetz „Raum und Landschaft“, das einen sparsamen Umgang mit Grund und Boden als zentrales Prinzip festschreibt, sowie vor allem den Zielsetzungen des Klimaplans Südtirol 2040.
Der Bau zusätzlicher Gästebetten würde mehr Verkehrsaufkommen, steigenden Energieverbrauch, zusätzlichen Bodenverbrauch und höhere CO₂-Emissionen nach sich ziehen. Bereits heute erreichen die Gästeankünfte rund neun Millionen pro Jahr, wobei 78–84 % der Gäste mit dem privaten Pkw anreisen. Eine weitere Ausweitung der Bettenkapazität würde diese Entwicklung verstärken und zentrale klimapolitische Zielsetzungen unterlaufen (siehe Anhang).

Glaubwürdigkeit der Klimapolitik gefährdet
Die Verbände warnen daher vor einem Verlust an Glaubwürdigkeit der Klimapolitik: Während die Bevölkerung zu Verhaltensänderungen und einem klimafreundlicheren Lebensstil aufgerufen wird, würde im tourismusintensiven Kernsektor eine weitere Expansion ermöglicht. Dies steht im direkten Widerspruch zu den Zielen der Dekarbonisierung und Klimaneutralität bis 2040 und privilegiert den Tourismus gegenüber den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung.

Entwicklung in Maßen statt Aufweichung des Bettenstopps
Heimatpflegeverband und Dachverband betonen erneut, dass der Bettenstopp keinen Stillstand bedeutet. Weiterentwicklungen sind auch innerhalb der bestehenden Regelungen möglich – etwa über qualitative Verbesserungen oder bestehende Kontingente. Kritisch sehen die Verbände die Diskussion um strukturschwache oder abwanderungsbedrohte Gemeinden, in denen eine Verlängerung der Frist möglich sein soll. Eine zu breite Auslegung dieser Kategorien birgt die Gefahr, dass der Bettenstopp faktisch unterlaufen wird.
Die gemeinsam gestartete Petition für den Erhalt des Bettenstopps hat innerhalb weniger Tage rund 10.000 Unterschriften gesammelt und verdeutlicht die breite gesellschaftliche Erwartung nach einer maßvollen Tourismusentwicklung. „Der Bettenstopp ist nicht nur ein Instrument der Tourismussteuerung, sondern auch eine Voraussetzung für das Erreichen der Klimaziele des Landes. Eine Aufweichung würde zentrale Vorgaben des Klimaplans untergraben und die Erreichung der Klimaneutralität bis 2040 weiter erschweren“, betonen Heimatpflegeverband und Dachverband.
 

Anhang:
Einige der Aktionsfelder des Klimaplans Südtirol 2040, die durch eine Aufweichung des Bettenstopps konterkariert würden:
1. Das Aktionsfeld Personenverkehr 5.3 beinhaltet das Ziel der Reduktion des Personenverkehrs (gefahrene Personenkilometer) um 30 % bis 2037. Der Anteil des internen touristischen Freizeitverkehrs am Gesamtverkehr auf dem Landesgebiet (ohne Transit) betrug 2024 schon 26 % (vgl. Hanspeter Niederkofler, Zu viel Erreichbarkeit, in: Heimat oder Destination Südtirol? Verlag arca). Durch die Erhöhung der touristischen Anreisen und Nächtigungen wird er erhöht statt gesenkt. Die Anzahl der Anreisen von Gästen hat 2025 9 Millionen erreicht, zu 78-84 % mit dem eigenen Kfz. Durch die Erhöhung der Zahl der Gästebetten wird die Zahl der Anreisen mit eigenem Kfz weiter angeheizt.
2. Laut Aktionsfeld Heizen 5.5 soll der Verbrauch von Öl und Gas bis 2037 um 85 % gesenkt werden. Der Bau zahlreicher neuer Hotels und der Ausbau bestehender Hotels mit Wellnessanlagen erhöht den Heizbedarf wesentlich, der vor allem über Gasheizungen gedeckt werden wird. Dies steht in Widerspruch zum Klimaplan 2040.
3. Im Aktionsfeld Tourismus 5.8 soll der Energieverbrauch insgesamt bis 2030 um 25 % und der Verbrauch fossiler Energie um 40 % bis 2030 gesenkt werden. Der Zubau von weiteren 12.000 Betten bewirkt über Bau und Betrieb der zusätzlichen Hotelkubatur das Gegenteil, nämlich die Zunahme des Energieverbrauchs.
4. Im Aktionsfeld Tourismus 5.8 soll weiters der Anteil der mit der Bahn anreisenden Gäste auf 20 % erhöht werden (heute bei 7,2-7,8 %). Durch die Erhöhung der Gesamtzahl der Anreisen im Zuge des Ausbaus des Bettenangebots wird dieses Ziel ausgehebelt, weil dadurch auch die absolute Zahl an Anreisen von Gästen mit dem eigenen Kfz mit entsprechender Mobilität vor Ort weiterhin steigt und die CO2-Emissionen verstärkt.
5. Im Aktionsfeld Resilienz und Anpassung 5.14 ist vorgesehen, die Nettoneuversiegelung bis 2030 zu halbieren. Der Neubau der für zusätzliche 12.000 Betten nötigen Kubatur führt zu Neuversiegelung und Bodenverbrauch sowohl durch Gebäude als auch Nebenanlagen (Freizeitanlagen, Zufahrten, Parkplätze usw.). Das steht in direktem Gegensatz zu diesem Ziel.
6. Im Aktionsfeld Bauen 5.4 (S. 49) ist das Ziel vorgesehen: „Für den gewerblichen Bereich sind Standards zu setzen, welche den derzeitigen Energieverbrauch um 50 % reduzieren“. Sowohl bei Betrieb als auch über den ganzen Lebenszyklus der Gebäude betrachtet sind vor allem Hotels im 4- und 5-Sterne-Segment nicht angelegt, den Gesamtenergieverbrauch zu halbieren.
7. Auch die CO2-Emissionen aus der Abfallwirtschaft (kein eigenes Aktionsfeld im Klimaplan) werden durch die Erhöhung der Betten, Anreisen und Nächtigungen im Tourismus erhöht.