Freitag, 24. September 2021 09:51

DVN+HPV - Offener Brief: Kein Tourismusghetto im Schnalstal

An den Landeshauptmann Arno Kompatscher - an die VertreterInnen der Landesregierung

Bauvorhaben Schnalstal - In der Sitzung der Landesregierung vom 28. September steht eine geplante Tourismuszone von gigantischen Ausmaßen auf der Tagesordnung. 33.685 Quadratmeter Grundfläche und 70.000 Kubikmetern Baukubatur sollen mit bis zu 27 Meter über dem heutigen Niveau hohen Hotelgebäuden verbaut werden. Dieser Eingriff wird die äußerst wertvolle bäuerliche Siedlungslandschaft und die landschaftliche Vielfalt im Schnalser Talschluss nachhaltig und irreversibel schädigen und zunichte machen. Sowohl der für die UVP zuständige Umweltbeirat al auch der Landesbeirat für Baukultur haben negative Gutachten abgegeben.

Der Heimatpflegeverband Südtirol und der Dachverband für Natur und Umweltschutz appellieren an die VertreterInnen der Landesregierung, die wertvolle alpine Landschaft im hinteren Schnalstal zu schützen und das Projekt „Almdorf Schnals“ nicht zu genehmigen und zwar aus folgenden Gründen:

1.    Es ist sehr wahrscheinlich, um nicht zu sagen sicher, dass das direkt angrenzende äußerst wertvolle Moorgebiet, das mehrere Tier- und Pflanzenarten beherbergt, die auf der roten Liste stehen, zerstört wird, wenn das Projekt „Almdorf Schnals“ in dieser Form umgesetzt wird. Damit ist das Projekt mit den bestehenden Landesgesetzen unvereinbar.
Der „Untersuchungsbericht zum UVP-Projekt Errichtung der Hotelanlage „Almdorf Schnals“ in Kurzras“ kommt zum Schluss, dass „der direkt an den Eingriffsraum angrenzende Moorkomplex mit einer Ausdehnung von knapp 2 ha sowohl in pflanzensoziologischer als auch in ökologischer Hinsicht eine äußerst vielfältige Fläche ist und mit 8 auf der 9-teiligen Skala nach KAULE eine hohe Biotopwertigkeit hat. […]
In dem Feuchtgebiet finden sich mehrere bedrohte Tier- und Pflanzenarten:
„Mit der Zweihäusigen Segge, der Entferntährigen Segge, der Norweger Segge und dem Spitzblättrigen Torfmoos kommen im Moorkomplex gleich drei Pflanzenarten vor, die auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten Südtirols stehen. […]

Im direkten Eingriffsgebiet wurden zehn Schmetterlingsarten gefunden (der Braunfleckige Perlmuttfalter ist mit NT, drohender Gefährdung, in der Roten Liste Südtirols angegeben), weiters ist der Grasfrosch präsent. Dieser ist laut Roter Liste eine gefährdete Art, nach der FFH-Richtlinie im Anhang V zu finden und nach dem Landesnaturschutzgesetz vom 12. Mai 2010, Nr. 6, vollkommen geschützt.“
Deshalb kommt die Arbeitsgruppe zu der Auffassung, dass „das geplante Bauvorhaben das Risiko einer Zerstörung bzw. Beeinträchtigung des Moorkomplexes und der damit zusammenhängenden Lebensraumzerstörung vollkommen geschützter Tierarten birgt und somit nicht konform mit Art. 4 und 16 des Landesnaturschutzgesetzes vom 12. Mai 2010 ist.“


2.    Das geplante Projekt ist „für diesen sensiblen Ort nicht geeignet“.
Heute stellt sich Kurzras als Sammelsurium von Gebäuden, Erweiterungen und Anbauten in verschiedensten Baustilen, Formen, Elementen und Materialien dar. Deshalb wäre anzuraten, dort anzusetzen und die Situation zu verbessern. Leider wird diese Art des Sammelsuriums auch im vorliegenden Projektentwurf weitergeführt.  
Der Beirat für Baukultur beschreibt die „Verwinkelungen der Baukörper, die Ein- und Ausschu?be der Erschließungsebene als dekonstruktiv und expressiv. Das Projekt wird dadurch nicht nur in seinem Gesamtvolumen ausgreifend, es ist auch inhomogen und sehr stark und auf verschiedene Arten auf den eigenen Ausdruck ausgerichtet, obwohl der besondere Ort des Talschlusses eine einfachere Antwort verlangt.“
Die auf mindestens zwei Seiten erforderliche steile Lawinenschutzmauer von mind. 8 Meter Höhe bildet einen völlig unnatürlichen geradlinig geformten Sockel und fügt sich überhaupt nicht in die Landschaft ein. Auf diesen erhöhten Plattformen sitzen große verdrehte Baukörper, die teils nicht aus dem Boden herauswachsen und wie hingeworfene riesige Spielklötze willkürlich verteilt sind.

Der Landesbeirat für Baukultur und Landschaft stellt in seiner zweiten Folgeberatung vom 6. Juni 2019 klar und unmissverständlich fest, dass das geplante Projekt „für diesen sensiblen Ort nicht geeignet ist“. In der dritten Folgeberatung vom 12. September 2019 präzisiert der Landesbeirat seine Einschätzung nochmal und spricht von einem „sehr großen und problematischen Eingriff in die sensible Landschaft des Talschlusses“ und verweist nochmal auf sein Gutachten vom 6. Juni.
Das geplante Projekt ist also weder in seinen gigantomanischen Ausmaßen noch in der vorliegenden chaotischen architektonischen Formensprache für die Siedlungslandschaft im hinteren Schnalstal geeignet.

3.    Kein Mehrwert für das Schnalstal
Die Projektwerber sprechen in ihren technischen Unterlagen davon, dass ihr Bauvorhaben einen „Mehrwert für das gesamte Schnalstal“ biete, dass Arbeitsplätze zu erwarten seien und die Abwanderung der Bevölkerung aus dem Tal zurückginge. Doch die Erfahrungen aus anderen, ähnlich angelegten Tourismusghettos in Wintersportgebieten sprechen eine andere Sprache. So hat etwa Sölden in den vergangenen zehn Jahren fast ein Viertel seiner Einwohner verloren. In den Retortendörfern in den französischen Alpen ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Die Zunahme der Bevölkerung in den betroffenen Tälern kam vor allem durch externe Zuwanderung zustande, während die Bergbevölkerung weiterhin abwanderte. Die entstehenden Arbeitsplätze, die deutlich weniger waren als ursprünglich geplant, kamen nur in geringem Umfang der einheimischen Bevölkerung zugute.
Für das Schnalstal ist eine ähnliche Entwicklung zu erwarten, sollte das vorliegende Projekt in dieser Form umgesetzt werden.

4.    Die Anzahl der SkifahrerInnen geht europa- und weltweit zurück bzw. stagniert.
Dieser Trend ist seit vielen Jahren bekannt und vielfach belegt. Deshalb ist der Aufbau von Tourismusghettos, die rein auf den Skitourismus ausgelegt sind, im Grunde eine Investition gegen die touristischen Einrichtungen in der Nachbarschaft. Gemeinden und Landesregierung sollten verstärkt einen nachhaltigen, umwelt- und sozialverträglichen Tourismus fördern und nicht auf einzelne Großprojekte setzen, die das überaus wertvolle Kapital der landschaftstypischen Eigenheit und einmaligen Siedlungslandschaft nachhaltig schädigen. Das vorliegende Projekt ist tatsächlich mit dem Natur- und Kulturraum im hinteren Schnalstal unvereinbar.

Mit freundlichen Grüßen

Claudia Plaikner - Obfrau                    Klauspeter Dissinger - Vorsitzender
Heimatpflegeverband Südtirol            Dachverband für Natur und Umweltschutz

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