Dienstag, 14. Juli 2020 11:25

DVN - Forderung und Anregungen für eine zukunftsfähige, klimafreundliche Umweltpolitik in Südtirol

Offener Brief an die Landesregierung - Die Welt steht in jeder Hinsicht, ökologisch – ökonomisch – sozial, vor einem Wendepunkt und auch Südtirol muss sich diesen Herausforderungen stellen, um der Jugend eine verheißungsvolle Zukunft zu gewährleisten.

Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz unterbreitet deshalb den politischen Entscheidungsträgern Anregungen und Forderungen, um gemeinsam diese Herausforderungen zu bewältigen. Mit einer umsichtigen Planung für die Zukunft ist durchaus eine sog. „Win-Win-Situation“ möglich, von der alle Sektoren und damit die gesamte Gesellschaft profitieren würde.

Verkehr
Die Verkehrsbelastung muss unbedingt reduziert werden. Schlechte Luft belastet nämlich nicht nur die Gesundheit der Bevölkerung, sondern ist auch mitverantwortlich für dei Häufung von schweren Pandemie-Verläufen, wie aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen der emissionsbelasteten Poebene zeigen.
Der Ausbau des öffentlichen Bus- und Bahnverkehrs muss noch stärker forciert werden, wobei auf der Brennerstrecke, im Pustertal und auf der Vinschgauer Linie bis Bozen in den Morgen- und Abendstunden der Viertelstundentakt eingeführt werden sollte. Die verbindliche Verlagerung des Transitverkehrs muss noch vor Fertigstellung des BBT von der Straße auf die Schiene erfolgen. Dabei ist die Verbesserung des Rollmaterials der Güterzüge unumgänglich, um die Lärmbelästigung zu reduzieren. Eine verbesserte Radmobilität, die von uns seit vielen Jahren gefordert wird, ist ein wichtiger Impuls, um den Individualverkehr zu vermindern. Viele Beispiele im In- und Ausland zeigen, dass Fußgänger- und Fahrradwege in urbanen Räumen keine Utopie mehr sind. Das in der Krise millionenfach erprobte smart working von zu Hause aus kann die klassische Büroarbeit sehr gut ergänzen und hilft mit, das Mobilitätsaufkommen zu reduzieren. Ein Tag pro Woche im home office reduziert die notwendigen Fahrten eines Vollzeitbeschäftigen um 20 Prozent.

Tourismus
Im Tourismus sollte vermehrt die Nachhaltigkeit des gesamten Angebotes im Vordergrund stehen, indem man sich auf familiengeführte Betriebe und auf Gästeschichten, die unsere intakte Natur wertschätzen, konzentriert. Die durch den Motorradlärm belasteten Passstraßen und die überfüllten „Hotspots“ müssen endlich der Vergangenheit angehören. Viel mehr sollte man für Touristen attraktive Zugverbindungen anbieten, mit Abholservice an den Bahnhöfen und Bereitstellung von elektrobetriebenen Fahrzeugen in den jeweiligen Beherbergungsbetrieben.
Auch zusätzliche skitechnische Aufstiegsanlagen sollten der Vergangenheit angehören. Stattdessen sollen Gebiete gefördert werden, welche einen alternativen Wintertourismus, wie Langlaufen, Rodeln, Schneeschuhwandern oder Winterwanderungen anbieten.

Landwirtschaft
Hier schlagen wir geeignete Maßnahmen vor, um den Umstieg von der konventionellen auf die Bio-Landwirtschaft zu gewährleisten. Mit der Umsetzung einer Bioregion profitiert nicht nur die Landwirtschaft durch die Schaffung von neuen Produkten, Nischen und Absatzmärkten, sondern auch andere Sektoren wie eben der Tourismus. Nur so kann dem bereits fortgeschrittenen Insektensterben Einhalt geboten und die Biodiversität wieder hergestellt werden. Fakt ist, dass die konventionelle Landwirtschaft auch maßgeblich an der Klimaerwärmung beteiligt ist.

Bauwirtschaft
Um die als Folge der Corona-Pandemie in Krise geratene Bauwirtschaft zu unterstützen und deren Arbeitsplätze zu erhalten, ist die energetische Sanierungen von Altbauten konzertiert in Angriff zu nehmen. Dabei kann die öffentliche Hand die administrativ-bürokratische Seite des staatlichen Förderprogrammes Superbonus 110 derart absichern, dass es bei der Umsetzung zu keinen bösen Überraschungen kommt.

Erneuerbare Energie
Südtirol ist in der glücklichen Lage ausreichend über die klimaneutralen Energiequellen Wasserkraft und Sonne zu verfügen. Bei der Wasserkraft geht es darum, nicht weitere Flussläufe dafür zu verwenden, sondern die Effizienz der bestehenden Kraftwerke zu steigern und auf die ökologisch vorteilhafteren Durchlaufkraftwerke zu setzen. Bezüglich Sonnenenergie gibt es noch viel freistehende Dachflächen in Industrie- und Handwerkzonen, die sich bestens für die Nutzung der Solarenergie eignen. Verbindliche Vorgaben zur Begrünung von Dachflächen und Fassaden werden im benachbarten Ausland bereits umgesetzt und helfen mit, das Mikroklima zu verbessern, sind Biodiversitätsnischen und helfen mit, Niederschlagsspitzen in versiegelten Gebieten deutlich zu senken.

Flugplatz Bozen
Der Luftverkehr wird sich durch die Corona-Krise grundlegend verändern. Kleine Provinzflugplätze wie jener in Bozen werden noch stärker an Bedeutung verlieren und zunehmend überflüssig sein. Mit der einhergehenden Einschränkung der Zivilluftfahrt am Bozner Flugplatz könnte ein Teil des Areals der Natur zurückgegeben werden.

Fördergelder
Gerade in diesen Krisenzeiten sind viele Bereiche auf die finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand angewiesen. Diese Förderungen dürfen aber nicht nach dem Gießkannenprinzip erfolgen, sondern müssen einem Klimacheck standhalten. Wir können es uns nicht mehr leisten, zukunftsfeindliche, klimaschädliche und die Biodiversität zerstörende Maßnahmen, Tätigkeiten und Programme mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen.

All die oben genannten Maßnahmen stärken Gesellschaft und Wirtschaft in der Corona-Krise. Es sind gleichzeitig aber auch Maßnahmen für den Klimaschutz, der eine weit größere Herausforderung für die Menschheit darstellt als die Corona-Krise.


Klauspeter Dissinger
Vorsitzender - Dachverband für Natur- und Umweltschutz

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