Donnerstag, 20. Juni 2013 12:07

Kulturänderungsverfahren – Der Sturm auf den Wald geht weiter

Raumordnung/Umwidmungen - Jüngste Meldungen der von der Gemeinde Eppan angedachten Einleitung des Kulturänderungsverfahrens zur Umwandlung von über 22 Hektar Wald in Landwirtschaftsgebiet (darunter zu verstehen ist die Umwandlung in Wiese, bestockte Weide, alpines Grünland, Weinberg oder Obstbaugebiet) lassen die Wogen hochgehen. Dieses kühne Vorhaben der Gemeinde Eppan zwecks Geldbeschaffung zum Füllen der (unverschuldet?) leeren Gemeindekasse, erscheint unglaublich, wirft aber ein bezeichnendes Licht auf die derzeit gängige Praxis. Natur- und Landschaftsschutz spielen bei der Genehmigung eine untergeordnete Rolle, und der Wald wird in den meisten Fällen als nutzlos angesehen, sodass es nichts auszumachen scheint, wenn Stück für Stück davon zum „Wohle der Allgemeinheit“ verschwindet.
In diesen Tagen hat sich die II. Gesetzgebungskommission des Landtages mit einer Neuregelung verschiedener urbanistischer Verfahren befasst. Unter anderem will man die Umwandlung von Wald in andere Nutzungsformen beschleunigen, obwohl dieses Verfahren bereits jetzt, auch wenn administrativ durchaus aufwändig, pro Jahr hunderte Flächenwidmungsänderungen über die Bühne gehen lässt. Beinahe täglich werden Mitteilungen veröffentlicht, wonach in einer bestimmten Gemeinde Wald in eine andere Nutzungsform umgewidmet wird.
Ein Blick in die jährlich von der Abteilung Forstwirtschaft veröffentlichten Forst- und Agrarberichte zeigt, dass die Entwicklung in den letzten sechs Jahren rasant war: Insgesamt wurden 569,06 ha Wald in Landwirtschaftsgebiet umgewandelt; dies entspricht dem Großteil der Umwidmungen und ergibt umgerechnet eine Fläche von 797 Fußballfeldern (berechnet mit UEFA-Standard 105 x 68 m = 7.140 m² pro Fußballfeld), die einer intensiven Flächennutzung (insbesondere Obst- und Weinbau, Grünland) zugeführt werden. Vor allem 2011 und 2012 hat die Umwidmung von Flächen enorm zugenommen. Unter diesem Gesichtspunkt ist für uns die geplante Beschleunigung des Verfahrens nicht gerechtfertigt, da bereits mit dem bestehenden Verfahren wöchentlich Kulturänderungen genehmigt werden.
Der schonende Umgang mit unserem Boden und der darauf vorzufindenden Kultur ist das Gebot der Stunde, denn andererseits verliert die Landwirtschaft Flächen an den Bau von Infrastrukturen – was zu einer immer weiter fortschreitenden Versiegelung der Böden führt.
Wenngleich der Wald in Südtirol insgesamt zunimmt, muss klar differenziert werden: Der Verlust von Waldflächen durch Kulturänderungen in tal- und siedlungsnahen Gebieten unterhalb von 1500 m kann nicht mit der unbestrittenen Zunahme des Waldes an der Waldgrenze – verursacht durch den Klimawandel – und durch das Zuwachsen aufgelassener Flächen verrechnet werden. Vielmehr hat der Wald gerade im siedlungsnahen Bereich eine wichtige Naturschutz- und Erholungsfunktion. Der Umgang mit diesem wichtigen Gut sollte daher bedächtiger erfolgen und nicht nach dem Prinzip „Wald gegen Geld“.
 

Markus Breitenberger
Vorsitzender des Referates für Natur
und Umwelt im Alpenverein Südtirol
 
Klauspeter Dissinger
Vorsitzender Dachverband für
Natur- und Umweltschutz

Schon gelesen?

Naturschutzblatt Umwelt

Archiv Presse