Freitag, 27. Mai 2016 10:58

Bozner Flughafen: Was ist dran an Tourismus-Schub und Erreichbarkeit?

Flugplatz BZ/Erreichbarkeit - Ein Touristenplus von 24.000 Neukunden und Gesamtreisezeiten, die sich für die allermeisten Ziele nicht verkürzen: Das sind die zentralen Ergebnisse einer Studie des Flughafen-Konzeptes, die die Mobilitätsexperten von „Qnex“ für den Dachverband für Natur- und Umweltschutz, den Alpenverein Südtirol und den Heimatpflegeverband durchgeführt haben. Die Studie wurde heute (27. Mai) in Bozen vorgestellt.

„Die Argumente, dass der Flughafen Bozen Südtirols Tor zur Welt öffne und unser Land erst erreichbar mache, werden von den Flughafen-Befürwortern vorgebetet wie Glaubenssätze“, so Josef Oberhofer, Geschäftsführer des Heimatpflegeverbandes heute. „Die empirisch-wissenschaftliche Studie ist diesen Glaubenssätzen auf den Grund gegangen und hat Ergebnisse geliefert, die sogar uns erstaunt haben.“

 

Leidet Südtirols Erreichbarkeit ohne Flughafen Bozen?

Hanspeter Niederkofler, Mobilitätsexperte von „Qnex“, hat auf der Grundlage von Flughafenkonzept und den Flugplänen der umliegenden Flughäfen zunächst die Reisezeiten von und nach Südtirol unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Für weiter entfernte Ziele steht eine große Auswahl an direkten Linienflügen von den nahe gelegenen Flughäfen zur Verfügung. So lassen sich die meisten europäischen Großstädte von Bozen aus in fünf bis acht Stunden erreichen, von Stadtzentrum zu Stadtzentrum gerechnet. „Solche Reisezeiten sind mehr als akzeptabel, hier das 19. Jahrhundert heraufzubeschwören, ist einfach falsch“, so Niederkofler.

 

Was ändert sich, wenn in Bozen der Linienflugbetrieb aufgenommen wird?

Auch der Vergleich der Gesamtreisezeiten vor und nach Umsetzung des Flughafenkonzeptes für Bozen liefert ernüchternde Ergebnisse: Die Reisezeiten in die wichtigsten europäischen Städte würde sich dank des Flughafens Bozen nur in den wenigsten Fällen verkürzen. Weil eine Anbindung an die allermeisten Destinationen aber nur über Rom möglich ist, verlängern sich die Reisezeiten in vielen Fällen sogar. Als Beispiel kann eine Reise nach Barcelona dienen. Nimmt man einen Direktflug ab Verona, beträgt die Gesamtreisezeit von Bozen aus rund sechs Stunden, nimmt man dagegen einen (potentiellen) Flug ab Bozen und steigt in Rom auf ein Flugzeug nach Barcelona um, ist man mindestens sieben Stunden unterwegs. Sehr wahrscheinlich ist diese Anbindung zudem wesentlich teurer. „Auch künftig wird man daher schneller über die schon funktionierenden Flughäfen in die meisten europäischen Städte kommen“, so Niederkofler.

 

Liefert der Flughafen einen Schub für den Tourismus?

Wenn schon das Argument einer besseren Erreichbarkeit nicht zieht, wie sieht’s dann mit dem zweiten großen Dauerbrenner aus: dem Schub für den Tourismus, den der Flughafen liefern soll? Auch hierfür hat die Analyse eindeutige Ergebnisse gebracht: Legt man dem „sehr optimistischen“ Flugplan realistischere Annahmen (in Sachen Angebots-Zeiträume und Auslastung) zugrunde und schlüsselt die Passagierprognosen auf, dann kommt man auf rund 24.000 Neukunden im Jahr 2022: „Das entspricht einem Plus von gerade einmal 0,3 Prozent, wenn man die Tourismuszahlen aufs Jahr 2022 hochrechnet“, so Klauspeter Dissinger, Präsident des Dachverbandes.

 

Diese Zahl muss laut Dissinger im Verhältnis zu den Kosten gesehen werden. „Auch wenn wir nur die Kosten des Landes hernehmen, würde jeder dieser Neukunden mit 100 Euro subventioniert“, so Dissinger. Diese Summe könne in jedem Fall einem effizienteren Tourismusmarketing zugeführt werden. „Dieser Flughafen würde demnach ökologisch nur Schaden und ökonomisch kaum Nutzen bringen“, so Dissingers Fazit.

 

24.000 Neukunden stünden nicht nur in keinem Verhältnis zum Nutzen, sie stünden auch in keinem Verhältnis zu 150.000 Südtirolern, die durch den Flughafen zusätzlich belastet würden und deren Lebensqualität enorm leide, betonte heute Georg Simeoni, Präsident des AVS. Simeoni stellte zudem die Frage, wie ein Flughafen plötzlich funktionieren solle, der 20 Jahren lang nicht funktioniert habe: „Ich habe auf diese Frage die Antwort bekommen: weil man jetzt einen Plan hat und die Landebahn um 30 Meter verlängert“, so Simeoni. In Sachen Plan dränge sich die Frage auf, ob man bisher planlos 120 Millionen Euro investiert habe.

 

„Und von der längeren Landebahn profitieren laut Flughafen-Konzept nur einige Outgoing-Chartermaschinen nach Ibiza, Mallorca und Kreta“, so der AVS-Präsident. Alle anderen Destinationen würden mit kleineren Maschinen angeflogen und die könnten bereits seit 15 Jahren in Bozen starten und landen. „Dies sind alles Argumente, die eindeutige Antworten auf unsere schon vor zwei Monaten gestellte Frage liefern: Brauchen wir diesen Flughafen wirklich?“

 

Grafiken und Presseaussendung dazu sind im Anhang.

 

20160527 PK Erreichbarkeit

(v.l.n.r.) Georg Simeoni (Präsident-AVS), Hanspeter Niederkofler (Qnex-Mobilitätsexperte), Josef Oberhofer (Geschäftsführer-Heimatpflegeverband), Klauspeter Dissinger (Vorsitzender- Dachverband für Natur- und Umweltschutz)

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