Donnerstag, 23. Mai 2002 09:45

Bergzoo im „Jahr der Berge“

Jahr der Berge 2002/Bergzoo - In einem offenen Brief an den Vorsitzenden des Komitees für das Internationale Jahr der Berge in Italien sprechen sich der Dachverband für Natur- und Umweltschutz, der Landesverband für Heimatpflege in Südtirol, der Alpenverein Südtirol (AVS), die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA, der Club Alpino Italiano (CAI) und andere Organisationen entschieden gegen die Verwirklichung des von der Südtiroler Landesregierung geplanten Bergzoos in Platzers/Tisens und seine Finanzierung als Initiative im Rahmen des „Internationalen Jahres der Berge“ aus.

Das „Internationale Jahr der Berge 2002“ stellt den Schutz der Bergwelt in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schreibt dazu u.a.: „Berge sind zerbrechliche Ökosysteme, weltweit wichtige Wasserreservoirs, Orte der biologischen Vielfalt, beliebte Ziele für Erholung und Tourismus“.
 Im Rahmen des „Jahres der Berge“ plant die Südtiroler Landesregierung die Verwirklichung eines Bergzoos in der Gemeinde Tisens sowie zwei weitere Projekte. Dafür wurden laut Bericht der Südtiroler Tageszeitung „Dolomiten“ vom 16.10.2001 rund 12 Millionen Euro beantragt. Beim Projekt Bergzoo Südtirol-Platzers (Gemeinde Tisens) handelt es sich um ein Projekt, dessen Verwirklichung die bisher intakte Kulturlandschaft und Bergwelt von Tisens nachhaltig beeinträchtigen bzw. zerstören und zusätzlichen Verkehr in die Berge holen würde.
Standort Platzers
Der vorgesehene Standort des Zoos (Gallberg-Gebiet) und seine Umgebung wie Gampenpaß und Tisner Mittelgebirge gehören zu den ruhigsten und landschaftlich intaktesten Naturlebensräumen Südtirols. Die kleine Ortschaft Platzers mit rund 100 Einwohnern liegt auf 1200 m Meereshöhe und 300 m unter dem Gampenpaß. Weit zerstreut liegende Bauernhöfe inmitten einer in Jahrhunderten gewachsenen Kulturlandschaft prägen das landschaftliche Bild. Das Riesenprojekt Bergzoo gegen den Willen der großen Mehrheit der Einwohner von Platzers in diesem landschaftlich einmaligen Natur- und Kulturraum zu verwirklichen, kommt einer „Vergewaltigung“ der Natur und der Bergwelt gleich.
Verkehr und Zufahrt
Als Zufahrt zum geplanten Bergzoo würde die Gampenstraße in Frage kommen, eine wunderschöne, jedoch kurvenreiche und sehr gefährliche Panoramastraße. Sie ist an mehreren Stellen äußerst murengefährdet (weshalb sie auch nach Unwettern im Jahr 2000 lange gesperrt war) und infolge der vielen Kurven immer wieder Schauplatz schwerer, auch tödlicher Verkehrsunfälle. Diese Passstraße kann auf keinen Fall noch mehr Verkehr bewältigen.
Platzers ist über 30 km von der Hauptstraße im Etschtal entfernt. Tausende Besucher über die Gampenstraße so weit in ein ruhiges Berggebiet zu locken, entspricht in keiner Weise dem Schutz der Bergwelt, sondern würde vielmehr zu einem gewaltigen Qualitätsverlust für die gesamte Gegend führen. Während man in anderen Landesteilen (z.B. Gröden) bestrebt ist, Passübergänge zumindest zeitweise für den Verkehr zu sperren, damit sich die Bergnatur regenerieren kann, will man hier durch ein MASSENTOURISMUSPROJEKT massiv Verkehr in die Berge ziehen.
Geologische Beschaffenheit des geplanten Standortes Gallberg
Der Gallberg ist aus einem porösen Kalkgestein mit sehr dünner Humusschicht aufgebaut. Zootiere und Besucher würden die Humusschicht in kürzester Zeit zerstören. Breitflächige Erosion und vermehrte Murenabgänge wären die Folge. Die Tatsache, dass es sich beim Gallberg um ein sehr poröses Kalkgestein handelt, gibt Anlass zur Befürchtung, dass trotz Vorbeugemaßnahmen längerfristig eine Verschmutzung des Quellwassers eintreten könnte.
Artgerechte Tierhaltung
Prinzipiell ist die Tierhaltung in Zoos, insbesondere im abgeschiedenen ländlichen Raum, als völlig überholt und anachronistisch anzusehen. Mit der Verstädterung im 19. Jahrhundert hat man sich Tiere in die Städte geholt, um den Verlust der Natur in der Stadt auszugleichen. Mittlerweile haben sich die Ansichten über Naturerleben und Naturpädagogik völlig geändert. Die Zoos in Europa verzeichnen durchwegs rückläufige Besucherzahlen und sind defizitär.
Eine artgerechte Tierhaltung ist beispielsweise für Puma und Schneeleopard, die in der Tierliste der Vorstudie für diesen Bergzoo aufscheinen, in der Waldlandschaft von Platzers nicht möglich.
Lebensräume „Tisner Mittelgebirge, Gallberg, Laugen“
Das Gebiet Tisner Mittelgebirge, Gallberg und Laugen gehört landesweit zu den wenigen noch intakten Naturlebensräumen. Besonders hervorzuheben sind die artenreichen Tannenmischwälder von Platzers, die Feuchtwiesen und Moore. In diesem Gebiet gibt es viele vom Aussterben bedrohte Pflanzen- und Tierarten, die sowohl in den heimischen „Roten Listen“ als auch in der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und der Vogelschutzrichtlinie aufscheinen. In diesem Zusammenhang ist besonders auf den Steinadler hinzuweisen, der am Gallberg regelmäßig horstet. Auch seltene Bussardarten wie z.B. der Wespenbussard und weitere geschützte Arten sind am Gallberg noch anzutreffen. Von den Pflanzen fällt besonders der Orchideenreichtum, z.B. Frauenschuh, auf. Laut fachlichen Untersuchungen ist die Gegend des Gallberges reich an schützenswerten Lebensräumen. Das Gebiet würde sogar die Voraussetzungen für die Aufnahme in das ökologische Netz der europäischen Schutzgebiete (Natura 2000) erfüllen.

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